«Wir haben einen Pakt mit dem Teufel geschlossen»
«Desinformation zu verbreiten kann ein Job sein, der dank Google von einigen der grössten Marken der Welt bezahlt wird», sagt Craig Silverman, Tech-Journalist für ProPublica im Dokumentarfilm «Gefährliches Netz – Die dunkle Seite der Algorithmen». Der Film ist derzeit in der SRF-Mediathek zu sehen. Der Original-Titel bringt das Thema besser auf den Punkt: «The Click Trap: The Dark Side of Digital Advertising».
Die Doku offenbart die letztlich brutale Maschinerie des globalen digitalen Werbesystems. Es setzt jedes Jahr etwa eine halbe Billion Dollar um und ist gleichzeitig auch für die Werbetreibenden selbst undurchsichtig. Denn sie wissen nicht, wer die bezahlten Anzeigen wirklich sieht und wohin das Geld genau fliesst.
Silverman nennt dies ein «absolut irrsinniges Szenario.» Der Film zeigt denn auch die gefährlichen Auswirkungen dieses automatisierten Werbesystems, des «finanziellen Rückgrats des Internets», wie es im Film heisst. Die grossen Anbieter Google oder Meta tragen bis heute kaum Konsequenzen.
«Wir haben einen Pakt mit dem Teufel geschlossen», sagt Imran Ahmed im Film. Ahmed führt die NGO Center for Countering Digital Hate. Wir hätten für Bequemlichkeit unsere Daten und Aufmerksamkeit hergegeben. Doch dies räche sich.
Der Film vermischt Werbe-Geschäftsmodelle von Meta (Facebook) und Alphabet (Google) und bringt sie vereinfacht auf einen Nenner: Aufmerksamkeit erzeugen und verwerten. Die schädlichen Folgen des kaum regulierten Systems sind kurz gesagt:
- Die Werbung finanziert die Verbreitung von Hass und Betrug.
- Die Werbung vereinfacht damit Betrug und Manipulation.
Dies belegt der Film mit verschiedenen Beispielen, die Aufsehen erregt haben: Meta bot in Zusammenarbeit mit lokalen Telekom-Anbietern das Facebook-Projekt «internet.org» in Ländern wie den Philippinen, Myanmar oder Brasilien an – ein kostenloses mobiles Internet. Dies beschränkte sich jedoch aufs Surfen auf der eigenen Plattform.
Damit beschränkte sich auch das kostenlos zugängliche Informationsangebot auf Facebook-Seiten. Gleichzeitig versäumte es Facebook, die verbreiteten Inhalte zu kontrollieren. So musste sich der Konzern den Vorwurf gefallen lassen, Massaker an der burmesischen Rohingya-Bevölkerungsgruppe mitverursacht zu haben. Auch in Kenia stoppte Facebook Werbeanzeigen mit Aufruf zu Gewalt nicht.
Die Verbreitung potenziell schädlicher Werbung erfolgt immer gezielter. Dafür verantwortlich sind unter anderen Datenmakler, welche grosse Datenmengen über Nutzende sammeln und verkaufen. Auch hier zeigt der Film verstörende Fälle. Wie etwa jenen einer Werbekampagne, die mittels Geofencing auf Frauen zielte, welche Abtreibungskliniken besucht hatten.
Personalisierte Werbung wird aber auch für Betrug benutzt. Der Film zeigt den Fall einer Schwedin, welche auf einen Investment-Betrug hinter gefälschten Promi-Anzeigen reinfiel, wie sie auch in der Schweiz vorkommen.
Die Frau verlor so 360’000 Euro. Ein holländischer Investigativ-Journalist macht dafür auch Google und Facebook verantwortlich. Auch diese verdienten mit betrügerischer Onlinewerbung Geld. Zwar würden sie Anzeigen entfernen, aber es sei fraglich, ob die Firmen genug täten, um diese Betrugsfälle zu verhindern.
Der Film möchte auf einer hoffnungsvollen Note enden, indem er dem Widerstand gegen die Praktiken der Tech-Giganten die letzte Sequenz überlässt. So kommt auch Aktivistin Nandini Jammi zu Wort, die auch Infosperber interviewt hat. Klar wird: Werbetreibende stehen in der Verantwortung. Aber auch ohne strengere Gesetze und deren konsequente Durchsetzung geht es nicht.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.
Werbung ist Alltag, auch Infosperber wirbt um Aufmerksamkeit und Relevanz, auch ich und der Autor des Artikels. Da gibt es nichts anrüchiges. Das ganze Universum, alles Leben wirbt, wir brauchen nur einen Blick in die Frühlingsnatur werfen.
Auch kann ein Werbetreibender nie effektiv beeinflussen, wer die Werbung sieht – weder beim SRF, noch online oder an einer Plakatwand.
Wer sich von Werbung übermässig beeinflussen lässt, hat ein grundsätzliches Problem und sollte an sich selber arbeiten. (Und wer 360’000 Euro verlieren kann, gehört ganz offensichtlich zu dieser Gruppe…)
Gegen effektiven, absichtlichen Betrug hilft ZGB Artikel 146 StGB und andere. Das ist schon lange so, auch im analogen Leben.
Da braucht es zumindest in der Schweiz – und da bin ich ausnahmsweise anderer Ansicht als der sehr geschätzte Autor – keine weiteren Gesetze.
Ich sehe das auch differenziert. Wenn Sie sich den Film anschauen, sehen Sie, was gemeint ist. Es geht vor allem um den Datenschutz.