Ein Teelöffel Plastik im Hirn
Mikroplastik ist überall. In der Luft, die wir atmen, im Wasser, das wir trinken. In der Antarktis, in 10 000 Meter Tiefe auf dem Meeresgrund, aber vor allem auch in unseren Nieren, Lebern, Adern und auch im Hirn. Jährlich fallen 400 Millionen Tonnen Plastikmüll an. Dass die Gefahr bekämpft werden muss, ist allen klar. Nur: Die fünfte UNO-Verhandlungsrunde für ein Abkommen zur Verminderung von Plastikmüll in Busan (Südkorea) endete ohne Einigung auf verbindliche Massnahmen.
Billionen von Mikro-Kunststoffen
Der Begriff Mikroplastik ist erst 20-jährig; die Forschung dazu begann erst in den letzten zehn Jahren, Fortschritte zu erzielen. Und es dauerte lange, bis Forschungsgelder flossen. Das amerikanische National Institute of Health unterstützte erst 2018 das erste Projekt (von bisher 45) zur Mikroplastik-Forschung. 2014 wurden 20 wissenschaftliche Artikel zum Thema veröffentlicht, zehn Jahre später waren es 6000. Es wird mit den unterschiedlichsten Methoden und analytischen Ansätzen geforscht. Doch noch fehlen Studien über Zuverlässigkeit oder Gültigkeit der Methoden.
Wir wissen, dass es hunderte oder gar tausende Jahre dauern kann, bis sich das Plastik zersetzt, und dabei Billionen von Mikrokunststoffen entstehen, doch noch ist nicht klar, in welchem Ausmass die Nanopartikel unsere Gesundheit gefährden. Das liege daran, dass es «das Mikroplastik» nicht gibt. Es komme in einer Vielzahl von Grössen, Formen und chemischen Zusammensetzungen vor, von denen jede die Zellen und das Gewebe unterschiedlich beeinflussen kann», heisst es im Wissenschaftsmagazin «Nature».
10’000 chemische Zusatzstoffe
Es zitiert den Toxikologen Matthew Campen von der University of New Mexico in Albuquerque, der das Feld der Mikroplastik-Forschung so beschreibt: «Es gibt zahlreiche Variablen in den Kunststoffen selbst, darunter Grösse, Form und Zusammensetzung. Und viele sind mit einem von mehr als 10’000 chemischen Zusatzstoffen beschichtet, um sie flexibler, flammhemmend oder abbaubar zu machen. Darüber hinaus können Kunststoffe jeden Organ- oder Zelltyp unterschiedlich beeinflussen. Ein scharfes Mikroplastikfragment kann beispielsweise in der empfindlichen Lungenumgebung schädlicher sein als im Rachen.»
«Nature» beschreibt, mit welcher Methode Campen arbeitet, um Mikro- und Nanoplastik im menschlichen Körper zu isolieren: «Ein Stückchen menschliches Gehirn in einem kleinen Fläschchen beginnt zu schmelzen, wenn Lauge hinzugefügt wird. Im Laufe der nächsten Tage zersetzt die ätzende Chemikalie die darin enthaltenen Neuronen und Blutgefässe und hinterlässt eine grausige Masse, die Tausende winziger Plastikpartikel enthält.»
Die gesammelte Menge beeindruckt: 10 Gramm Plastik in einem Gehirn. Das entspricht einem Farbstift, einem Teelöffel Pulver oder einem halben Schnapsglas.
Die Antwort des Hirns
Das schleimige Konzentrat aus dem Hirn könnte helfen, um festzustellen, «wie lebendes Gewebe auf die Arten von Plastik reagiert, die Menschen mit sich herumtragen». «Nature» zitiert Campen: «Morbide ausgedrückt ist die beste Quelle, die mir einfällt, um an gutes, relevantes Mikroplastik zu kommen, ein ganzes menschliches Gehirn zu verdauen.»
Gegenüber «Nature» fasst Campen seine bisherigen Ergebnisse zusammen: «Im Durchschnitt war der Mikroplastikgehalt in Gehirnproben aus dem Jahr 2024 etwa 50 Prozent höher als in Proben aus dem Jahr 2016. Und Gehirnproben enthielten bis zu 30-mal mehr Mikroplastik als Proben aus der Leber und den Nieren einer Person.»
Warum es diese Konzentration im Hirn gibt, versuchten andere Forscher mit Hilfe von Mäusen herauszufinden. Sie fütterten sie mit Wasser, das mit Mikroplastik versetzt war, verfolgten die Bewegungen der Partikel durch den Körper und fanden heraus, «dass die Kunststoffe von Immunzellen verschlungen wurden und sich schliesslich in kleinen Blutgefässen im Gehirn ansammelten und diese blockierten».
Von Beweisen, dass Mikroplastik der Gesundheit schadet, spricht die Wissenschaft noch nicht. Nur von «Daten, die einen Zusammenhang belegen». «Nature» zitiert eine Studie vom März 2024, die besagt, «dass fast 60 Prozent von etwa 250 Menschen, die sich einer Herzoperation unterzogen, Mikro- oder Nanoplastik in einer Hauptarterie hatten. Bei den Betroffenen war die Wahrscheinlichkeit, in den drei Jahren nach der Operation einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall zu erleiden oder zu sterben, viereinhalb Mal höher als bei jenen, deren Arterien plastikfrei waren».
Zelltod und Gewebeschäden
Zusammenfassend schreibt «Nature»: «Wenn Wissenschaftler im Labor menschliche Gewebeproben mit Mikroplastik versetzen, kann dies zum Zelltod, zu Immunreaktionen und zu Gewebeschäden führen. In Hunderten von Studien wurden Tiere – hauptsächlich Wasserorganismen – Mikroplastik ausgesetzt, und es wurde festgestellt, dass die Partikel ihren Darm verstopfen oder ihre Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigen können. Aufgrund dieser Erkenntnisse vermuten Forscher, dass diese Partikel mit Krebs- Herz- und Nierenerkrankungen, Alzheimer oder Fruchtbarkeitsstörungen beim Menschen in Verbindung gebracht werden könnten.»
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.
Die gute Nachricht ist, dass das Trinkwasser aus der Wasserleitung noch relativ wenig mit Mikroplastik belastet ist. Ich frage mich aber, ob es so bleibt. Derzeit werden bei den Wasserversorgern zunehmend alte Wasserleitungen aus Eisen durch Kunststoffleitungen ersetzt. Wenn dreißig und mehr Jahre Wasser durch diese Leitungen strömt, wäre es ein Wunder, wenn diese Leitungen nicht durch Erosion Teilchen an das Wasser abgeben würden.