Verkehrsunfälle: Wissenschaftler fordern Klartext
«Im letzten Jahr haben in der Schweiz 250 Menschen bei einem Verkehrsunfall ihr Leben verloren.» So zog das Bundesamt für Strassen (Astra) kürzlich Bilanz für das Jahr 2024. Nüchterner und distanzierter lässt sich das fast nicht ausdrücken.
Das kritisiert eine Gruppe von Sprachwissenschaftlern aus der Schweiz, aus Österreich und aus Deutschland. Die Sprachwissenschaftler stören sich daran, dass Behörden, Polizei und häufig auch Medien neutral und steril über Verkehrsunfälle berichten. Etwa so: «Es kam zu einem Unfall.»
Die Sprachwissenschaftler kritisieren: «So wird das Ereignis als Vorgang ohne Handelnde und ohne Ursache dargestellt.» Die Folge: «Die Verkehrsunfälle werden als unvermeidlich wahrgenommen.»
Auch Infosperber hat vor gut zwei Jahren aufgezeigt, dass die Polizei in ihren Medienmitteilungen oft Verkehrsunfälle verharmlost. Dass sie manchmal wichtige Tatsachen verschweigt. Und dass sie zuweilen den Unfallhergang verdreht (siehe unter «Weiterführende Informationen» am Schluss dieses Artikels).

Die Sprachwissenschaftler haben sich nun zum Ziel gesetzt, «das Bewusstsein für mehr Verkehrssicherzeit zu erhöhen». Dafür haben sie einen Leitfaden unter dem Titel «Unfallsprache – Sprachunfall» verfasst. Es gibt ihn in einer ausführlichen Fassung, als Kurzfassung und als Übersichtsblatt. Der Leitfaden ist zwar nützlich, hat aber doch einige Schwächen, auf die Infosperber in der Folge hinweisen wird. Nach Ansicht der Sprachwissenschaftler gibt es fünf Probleme:
Korrektur Nummer 1: Unfälle sind nicht Schicksal, es gibt Gründe
Dem Wort «Unfall» wohnt etwas Schicksalhaftes, etwas Unvermeidliches, etwas Unausweichliches inne – vor allem dann, wenn es «zu einem Unfall kommt», wenn «ein Unfall geschieht» oder wenn «sich ein Unfall ereignet». Dabei ist ein Unfall stets die Folge von Fehlern: Unaufmerksamkeit, Trunkenheit, überhöhte Geschwindigkeit, Eile, Selbstüberschätzung, Ablenkung. Die Sprachwissenschaftler schlagen deshalb die Wörter «Kollision», das lautmalerische «Crash», «Zusammenstoss» oder «Zusammenprall» vor.
Kritik von Infosperber: Diese Alternativen sind häufig untauglich. Denn die Wörter «Kollision», «Crash», «Zusammenstoss» und «Zusammenprall» klingen so, als würden da ähnliche Verkehrsteilnehmer «kollidieren». Das vermittelt häufig einen falschen Eindruck. Zwei Beispiele:
- Die Kantonspolizei Bern meldete einst: «Fussgängerin nach Streifkollision leicht verletzt.» Die Wahrheit war: Ein Autofahrer hatte die Fussgängerin auf dem Fussgängerstreifen angefahren und anschliessend Fahrerflucht begangen.
- Wieder die Kantonspolizei Bern: «Kollision mit Auto – Mofalenker schwer verletzt.» Dabei war der Mofalenker auf dem Radstreifen unterwegs, als ein entgegenkommender Autofahrer links abbog und in den Mofalenker krachte.
Viel wichtiger, als das Wort «Unfall» zu ersetzen, ist es deshalb, Verben zu verwenden: «anfahren», «überfahren», «überrollen», «über den Haufen fahren», «umreissen», «umfahren», «erfassen», «zu Boden schleudern», «zusammenprallen», «zusammenkrachen» et cetera.
Korrektur Nummer 2: Nicht Fahrzeuge verursachen Unfälle, sondern Menschen
Häufig sind Sätze wie: «Lastwagen erfasst Velofahrerin.» Dass hinter dem Steuer ein Mensch sitzt, geht dabei glatt vergessen. Besser ist deshalb: «Der Lastwagenfahrer rammt die Velofahrerin.» Oder wenn es umgekehrt ist: «Die Velofahrerin fuhr in den Lastwagen.»
Die Sprachwissenschaftler raten zudem:
- Aktiv statt passiv. Statt: «Fussgänger wurde von Lastwagenfahrer angefahren.» Besser: «Lastwagenfahrer fuhr Fussgänger an.»
- Nicht reflexiv. Statt: «Er verletzte sich.» Und statt: «Er zog sich Verletzungen zu.» Besser: «Er hat ihn verletzt.»
Korrektur Nummer 3: Unfälle passieren nicht einfach so, jemand trägt Verantwortung
In Polizeimeldungen kommen häufig Sätze vor, die wie eine Entschuldigung klingen: «Er übersah den abwärts fahrenden Velofahrer.» «Sie konnte nicht rechtzeitig bremsen.» «Der Passant trug dunkle Kleidung.» Dabei ist es in der Verantwortung jedes Verkehrsteilnehmers, niemanden zu übersehen, rechtzeitig zu bremsen und Passanten zu erkennen – auch dann, wenn sie dunkel gekleidet sind.
Korrektur Nummer 4: Unfälle sind keine unlösbaren Rätsel, etwas lässt sich immer sagen
«… aus bisher ungeklärten Gründen … » ist wohl die häufigste Formulierung in Polizeimeldungen. Natürlich sind die Gründe unmittelbar nach einem Unfall in aller Regel noch nicht geklärt. Aber die Floskel vermittelt den Eindruck des Schicksalhaften. Und vielleicht lässt sich nach dem Unfall doch schon etwas sagen. Etwa: «Gemäss den ersten Ermittlungen deutet das Unfallbild auf überhöhte Geschwindigkeit hin.»
Korrektur Nummer 5: Unfälle sind keine Einzelfälle, es gibt vergleichbare Ereignisse
Die Sprachwissenschaftler kritisieren: «Heute werden Verkehrsunfälle in der Regel als isolierte Einzelereignisse dargestellt. Durch die isolierende Darstellung wird der Blick auf die Zusammenhänge zwischen dem Einzelfall und systemischen Faktoren, aber auch auf andere, vergleichbare Ereignisse verstellt.»
Das liesse sich vermeiden. Auf Swisstopo ist beispielsweise eine interaktive Karte aufgeschaltet, auf welcher sich Unfallschwerpunkte finden lassen. Nützlich wären in Unfallmeldungen auch Verweise auf ähnliche Unfälle in der jüngeren Vergangenheit oder eine genaue Beschreibung des Unfallorts.
Fazit
Der Leitfaden der Sprachwissenschaftler ist hilfreich für alle, die über Verkehrsunfälle berichten. Er ist aber auch hilfreich für alle, die solche Meldungen lesen und sich davon nicht in die Irre führen lassen wollen.
Kritik von Infosperber: Irritierend ist, dass die Sprachwissenschaftler zwar von Passivsätzen abraten, sie aber in ihren Verbesserungsvorschlägen ständig selber verwenden. Drei Beispiele:

Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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