Unbenannt

Vor einem guten Jahr stimmte das Volk für eine 13. AHV-Rente. Die NZZ ist noch nicht darüber hinweg. © ahvx13.ch

Ist das nicht etwas fremdenfeindlich, liebe NZZ?

Marco Diener /  Wir Schweizer sind linke Egoisten geworden. Und schuld daran sind die Einwanderer. So lässt sich ein NZZ-Artikel zusammenfassen.

«Volksbegehren ohne geklärte Finanzierung können zu verantwortungslosen Entscheiden führen», schreibt Wirtschaftsredaktor Hansueli Schöchli in einem Leitartikel. Ein solcher verantwortungsloser Entscheid war für ihn das Ja zur 13. AHV-Rente. Das Volk habe nach dem Motto «Kosten ja – Finanzierung nein» entschieden. Denn wie die 13. Rente finanziert werden soll, war und ist nicht geregelt.

Ein weiteres Beispiel fällt ihm auch noch ein: die Pflegeinitiative, die das Volk 2021 angenommen hat. Doch damit hat es sich. Schöchli kommen keine weiteren «verantwortungslosen Entscheide» mehr in den Sinn. Alle anderen Initiativen, die er kritisiert, sind abgelehnt worden oder noch hängig.

Trotzdem kommt Schöchli zum Schluss, dass die Chancen solcher Initiativen gestiegen seien. Denn: «Die Bürger sind tendenziell linker, etatistischer und egoistischer geworden.» Warum das so sein soll – darüber stellt er wilde Spekulationen an:

NZZ

Es ist nicht ganz einfach, seiner stichwortartigen Aufzählung zu folgen. Irritierend ist sie trotzdem. Etwa, wenn er schreibt:

  • «Auch Normalbürger machen die hohle Hand.» Da fragt sich der Leser: Wer sind die Spezialbürger? Sind es die Politiker? Die Bauern? Die Konzernchefs? Dürfen nur sie die hohle Hand machen? Und die Normalbürger nicht?
  • «Die starke Einwanderung (Förderung des Egoismus?).» Da fragt sich der Leser: Welche Einwanderer sind gemeint? Hochqualifizierte? Flüchtlinge? Sind sie alle Egoisten? Oder machen sie uns Schweizer zu Egoisten? Ist das alles nicht etwas fremdenfeindlich, liebe NZZ?
  • «Staatliche Rettungsnetze für Grossbanken und Stromkonzerne (bequeme Ausreden für eigennütziges Verhalten von Privathaushalten).» Da fragt sich der Leser: Warum schimpft Schöchli auf die Privathaushalte und nicht auf die Grossbanken und die Stromkonzerne?
  • «Die Online-Klick-Ökonomie bei den Medien (Verstärkung von Linkslastigkeit und Marktschreiertum).» Da fragt sich der Leser: Hat Schöchli schon mal etwas von der AfD gehört? Von ihrem Erfolg? Und davon, dass der Erfolg mit dem Internet zu tun haben könnte? Oder – wenn wir in der Schweiz bleiben wollen – dass die SVP bei den letzten Nationalratswahlen neun Sitze dazugewonnen hat?

Offenbar nicht. Stattdessen ortet Schöchli linken Egoismus. Wobei die erwähnte Pflegeinitiative wenig mit Egoismus zu tun hat. Eher mit dem Gegenteil.

Und: Gab es nicht immer schon rechten Egoismus? War dieser nicht während Jahrzehnten ausgesprochen erfolgreich? Nur ein Beispiel: Vor gut 40 Jahren haben wir Schweizer und Schweizerinnen die Bankeninitiative der SP regelrecht versenkt (mit 73 Prozent Nein-Stimmen). Wahrscheinlich weil wir fürchteten, keine Steuern mehr hinterziehen zu können. Eigentlich müsste Schöchli solche Entscheide als «unverantwortlich» bezeichnen – wenn er bedenken würde, wie viele Milliarden an Steuern seither nicht bezahlt worden sind.

43-0767
Rechter Egoismus: Abstimmungsplakat gegen eine Lockerung des Bankgeheimnisses von 1984.

Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
_____________________
➔ Solche Artikel sind nur dank Ihren SPENDEN möglich. Spenden an unsere Stiftung können Sie bei den Steuern abziehen.

Mit Twint oder Bank-App auch gleich hier:



_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

Zeitungen_1

Kritik von Zeitungsartikeln

Printmedien üben sich kaum mehr in gegenseitiger Blattkritik. Infosperber holt dies ab und zu nach.

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.

Direkt mit Twint oder Bank-App



Spenden

Ihre Meinung

Lade Eingabefeld...