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In Europa werden mehr synthetische Opioide gefunden - Ursache ist auch die Weltpolitik. © Depositphotos

Weil Heroin knapp ist: Neue Opioide auch in Europa

Daniela Gschweng /  Suchtexperten warnen schon länger. Nun wird Heroin knapp, Fentanyl und Nitazene breiten sich in der europäischen Drogenszene aus.

Die Anzeichen mehren sich. Fachstellen beobachten in Europa seit Jahren einen leichten Rückgang beim Heroinkonsum und einen Anstieg synthetischer Opioide wie Fentanyl. In den USA ist Fentanyl an einem Grossteil der drogenbedingten Todesfälle beteiligt. In Europa gab es lange nur vereinzelte Funde.

Ist eine Opioid-Epidemie wie in den USA auch in Europa möglich? Dagegen spricht, dass es hier keine Historie massenhafter Verschreibung von Opioid-Schmerzmitteln gibt. Auch die Drogenpolitik und das Gesundheitssystem europäischer Länder unterscheiden sich von den USA. Das in Europa hauptsächlich konsumierte Heroin könnte aber durch synthetische Opioide wie Fentanyl und Nitazene ersetzt werden.

Der Mohn wird knapp – und damit auch das Heroin

Seit die Taliban-Regierung den Anbau von Schlafmohn in Afghanistan bekämpft, geht das Heroin-Angebot in Europa zurück. Die Droge wird knapper, teurer und häufiger gestreckt. «Im Jahr 2023 lag der Heroin-Reinheitsgehalt bei den niedrigsten Werten seit 2014», zitierte die «Tagesschau» kürzlich das deutsche Bundeskriminalamt. Ein Zeichen, dass die Lagermengen im Zwischenhandel schwinden.

Fentanyl-Funde in Deutschland im Januar

Was Fachleute seit Jahren befürchten, scheint einzutreffen: Heroin wird immer häufiger mit synthetischen Opioiden gestreckt. Im einschlägig bekannen Frankfurter Bahnhofsviertel wurde im Januar in zwei Dritteln der getesteten Heroinproben Fentanyl gefunden. Fentanyl ist 80- bis 100-mal stärker als Heroin und für Süchtige deshalb sehr gefährlich.

Grosse Besorgnis über gefährliche Nitazene

Besorgt sind die Behörden auch, weil zunehmend Nitazene (Benzimidazol-Opioide) als Streckmittel verwendet werden. Anders als bei Überdosen von Heroin und Fentanyl wirkt das Notfallmedikament Naloxon bei Nitazenen nur eingeschränkt. Naloxon kann einen Atemstillstand verhindern und ist bei Überdosen lebenswichtig.

In Europa sind bereits hunderte Menschen gestorben, bei deren Tod Nitazene eine Rolle spielten. 2023 wurden laut der Europäischen Drogenagentur (EUDA) 150 Todesfälle im Zusammenhang mit Nitazenen registriert, berichtet die «Tagesschau». Im Januar wurden Nitazene bei Tests in Bremen festgestellt.

Der «Spiegel» berichtete kürzlich über mehrere Todesfälle, die auf sogenannte «Forschungschemikalien» zurückgeführt werden. Dahinter stecken psychoaktive Drogen, die zum Teil in Onlineshops verkauft werden. Beteiligt seien auch Nitazene. In Deutschland ist die Anzahl der Drogentoten dabei so hoch wie nie. 2023 starben 2227 Menschen.

Auch die Schweiz wappnet sich

In der Schweiz wecken solche Zahlen beunruhigende Erinnerungen. Im Oktober 2024 warnte die Schweizerische Gesellschaft für Suchtmedizin (SSAM) vor einer «neuen Opioidwelle».Fachleute wie Marc Vogel, Chefarzt am Zentrum für Abhängigkeitserkrankungen der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel, befürchten, dass Fentanyl und Nitazene auch in der Schweiz auftauchen werden (SRF). Der Zürcher Stadtrat reagierte nach den ersten Fentanyl-Funden im Februar mit einem Massnahmenplan.

Verbreitung der neuen Drogenklasse unklar

Wie verbreitet Fentanyl und Nitazene tatsächlich sind, ist schwer zu sagen. Verlässliche Zahlen über den Konsum gibt es bisher nicht, weil nicht umfassend getestet wird.

Wie sich die Lage entwickelt, hängt von vielen Faktoren ab. Länder wie Myanmar oder Pakistan könnten ihre Heroinproduktion ausweiten und die Lücke füllen. Auch der Krieg in der Ukraine hat einen Einfluss: Heroin gelangt hauptsächlich über die Balkanroute sowie über grosse Seehäfen nach Europa. Der Krieg und die damit verbundenen Einschränkungen erschweren den Schmuggel.  

USA: Im Drogenkampf übers Ziel hinaus

Internationale Politik spielt auch sonst eine Rolle. Die US-Regierung will härter gegen den Drogenhandel vorgehen. Ausgangsstoffe für synthetische Opioide werden zu einem grossen Teil in China hergestellt und von mexikanischen Drogenkartellen gehandelt – auch in Europa.

US-Präsident Donald Trump begründet mehrere drastische Massnahmen mit dem Kampf gegen die synthetischen Drogen. Darunter Zollerhöhungen gegenüber Mexiko und Kanada, Deportationen von Ausländern und verschärfte Einreisebedingungen.

Nach Medienberichten vom 18. März plant Trump, Fentanyl per Executive Order zur «Massenvernichtungswaffe» zu erklären – eine Idee, die bereits 2022 im US-Kongress diskutiert wurde. Das könnte der Regierung als Grundlage rigorose Massnahmen dienen – auch für solche, die mit Drogenpolitik nur noch wenig zu tun haben.


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