Ist die Einkommensschere wirklich so klein? Kommt drauf an
In ihrem Propaganda-Artikel gegen die 13. AHV-Rente schrieb die Sonntags-Zeitung: «Ökonomen warnen vor einer Neiddebatte.» Hintergrund: Novartis-Chef Vas Narasimhan hatte letztes Jahr einen Lohn von 16 Millionen Franken erhalten – fast doppelt so viel wie im Jahr davor. Was man ja durchaus als übertrieben empfinden kann.
Namentlich erwähnte die Sonntags-Zeitung dann nur einen Ökonomen: Reto Föllmi, Wirtschaftsprofessor an der Hochschule St. Gallen. Und der sagte: «Die Lohnschere zwischen Arm und Reich ist in der Schweiz kleiner als in den meisten anderen Ländern der Welt.» Oder anders gesagt: Beruhigt euch! Anderswo sind die Lohnunterschiede noch grösser.
Weltweit? Hervorragend
Aber stimmt das auch? Kommt drauf an, mit wem man vergleicht. Zieht man für den Vergleich etwa Länder wie Costa Rica, Südafrika, Namibia, Sambia oder auch Indien heran, dann schneidet die Schweiz hervorragend ab. Aber das sind nicht die Länder, mit denen sich die Schweiz sonst gerne vergleicht.
Das Bundesamt für Statistik (BfS) hat sich letztes Jahr in seiner Untersuchung jedenfalls auf Zahlen aus Europa beschränkt. Dabei hat es die so genannten Äquivalenzeinkommen (siehe Kasten) in 29 Ländern – hauptsächlich EU-Mitglieder – verglichen.
Das Äquivalenzeinkommen
Das Äquivalenzeinkommen wird so berechnet: Bruttoeinkommen (Löhne, Naturalleistungen, Renten, Einkommen aus Vermögen und Vermietung etc.) eines Haushalts minus obligatorische Abgaben wie Sozialversicherungsbeiträge, Steuern, Krankenkassenprämien und Zahlungen an andere Haushalte wie Alimente. Dann wird durch die Anzahl Personen im Haushalt geteilt.
In Europa? Na ja
Unter den 29 europäischen Ländern rangiert die Schweiz auf Rang 16. Das heisst: Bloss in 13 Ländern sind die Einkommen noch ungleichmässiger verteilt als in der Schweiz. Die unten stehende Grafik zeigt, wo die Einkommensunterschiede besonders gross sind (oben) und wo besonders klein (unten).
Fazit: Wenn Wirtschaftsprofessor Föllmi sagt, «die Lohnschere zwischen Arm und Reich» sei «in der Schweiz kleiner als in den meisten anderen Ländern der Welt», dann hat er recht. Innerhalb Europas ist die Einkommensschere aber in den meisten Ländern kleiner als in der Schweiz.
Interessant ist die obige Grafik vor allem im Zusammenhang mit einer weiteren Grafik, die das BfS letztes Jahr veröffentlicht hat. Sie zeigt, über wie hohe Einkommen die Bevölkerung verfügt. Die Schweiz ist unter den 29 Ländern – nach Luxemburg – das Land mit den höchsten Einkommen.
Aufschlussreich sind nun die Informationen, die sich aus der Kombination der beiden Grafiken herauslesen lassen: Dass nämlich von den zehn Ländern mit dem höchsten Äquivalenzeinkommen fast alle Länder bezüglich Einkommensschere besser abschneiden als die Schweiz. Nur in Deutschland ist die Einkommensschere ein klein bisschen grösser. Und ebenfalls herauslesen lässt sich, dass von den zehn Ländern mit dem niedrigsten Äquivalenzeinkommen fast alle schlechter abschneiden als die Schweiz.
Oder anders ausgedrückt: Wo die Einkommen hoch sind, ist die Einkommensschere in der Regel klein. Und wo die Einkommen niedrig sind, ist die Einkkommensschere normalerweise gross. Zum Beispiel in der Türkei, in Bulgarien und Rumänien.
Schweiz: Einkommen hoch, Differenzen trotzdem gross
Die Schweiz ist eine Ausnahme. Hier sind die Einkommen zwar hoch, aber die Unterschiede sind trotzdem gross.
Und das soll auch so bleiben, wenn es nach Wirtschaftsprofessor Föllmi geht. Der Sonntags-Zeitung sagte er im Hinblick auf die Abstimmung zur 13. AHV-Rente: «Wird die Fiskalquote zu hoch, kann es sein, dass Menschen mit sehr hohen Einkommen abwandern oder gar nicht zu uns kommen.» Zu hohe Abgaben könnten eine Massenflucht von Reichen auslösen.
Mit Angstmacherei ist schon manche Abstimmung gewonnen worden.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.
Daraus lässt sich abschätzen, wie hoch die grössten Einkommen verglichen mit der Schweiz sind. Das ergibt dann ein tieferes Spitzeneinkommen in D verglichen mit der CH. Ebenso für Oesterreich und Dänemark. Die Türkei bleibt ein schlechtes Beispiel.