Ein Nobelpreisträger zwischen Bibel und Gentechnik
Der Schweizer Mikrobiologe Werner Arber erhielt 1978 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin, und zwar für die Entdeckung der Restriktionsenzyme und ihre Anwendung in der Molekulargenetik. 1986 bis 1988 war er Rektor der Basler Universität und 1996 wurde er emeritiert. Im Januar 2011 ernannte ihn der Papst zum Präsidenten der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften, in welcher sich Dutzende von Nobelpreisträgern ein Stelldichein geben.
Arber machte dem Papst die Gentechnik schmackhaft
Anlässlich der Bischofssynode, welche im Oktober im Vatikan stattfand, hielt Arber eine Rede zum Thema «Betrachtung über die Beziehungen zwischen den Wissenschaften und religiösem Glauben», um dem Papst und den Bischöfen die Vorzüge der Grünen Gentechnik (Agrogentechnik) schmackhaft zu machen. Schon drei Jahre zuvor hatte er dem Vatikan eine Lobschrift auf die Grüne Gentechnik untergejubelt, zusammen mit dem emeritierten ETH-Professor Ingo Potrykus, der als Entwickler des gentechnisch veränderten Goldenen Reises gilt. Der Vatikan hatte an dieser Schrift allerdings keine Freude und distanzierte sich förmlich davon.
Jesus Christus würde die Anwendung begrüssen
Zunächst erklärte Arber in seiner Rede, dass die Grüne Gentechnik nichts anderes macht als die Natur selbst, nämlich genetische Veränderungen an Pflanzen. Was aber die Natur tut, ist nicht automatisch ethisch vertretbar für das menschliche Handeln. Es lauert der sogenannte Naturalistische Fehlschluss, also der unzulässige Schluss vom Sein auf das Sollen.
Deshalb rekurrierte Arber auf Jesus und die Bibel: «In diesem Zusammenhang glaube ich, daß Jesus Christus, wenn er heute unter uns leben würde, die Anwendung fundierter wissenschaftlicher Erkenntnisse zum langfristigen Wohl der Menschen und ihrer natürlichen Umwelt begrüßen würde, solange durch eine solche Anwendung, die zur Gestaltung der Zukunft führt, sichergestellt ist, daß die betroffenen Naturgesetze in vollem Umfang geachtet werden.»
Laut Arber werden dabei die Naturgesetze bestens geachtet, denn für ihn ist klar, dass die «Methoden zur Herstellung genetisch veränderter Organismen den Naturgesetzen der biologischen Evolution folgen und keine Gefahren bergen, die in der Methode der Gentechnik verankert sind».
Genesis als «frühe wissenschaftliche Weltanschauung»
Für den Papst und die Bischöfe war das ziemlich starker Tobak. Doch Arber hatte für die vatikanische Versammlung ein prächtiges Dessert parat. Zur Versöhnung hob der vielgerühmte Nobelpreisträger und Molekularbiologe zu einer Laudatio auf die Bibel an, insbesondere auf die Genesis im Alten Testament, welche von der göttliche Erschaffung der Welt in sieben Tagen berichtet. Laut Arber ist die Genesis «eine frühe wissenschaftliche Weltanschauung» und spiegelt «eine weitgehende Übereinstimmung zwischen religiösem Glauben und wissenschaftlicher Erkenntnis wider».
Diese Einschätzung ist bereits eine erstaunliche, akrobatische Leistung für einen durch das wissenschaftliche Experiment gestählten Nobelpreisträger. Doch die Begründung ist es nicht weniger: Laut Arber bietet nämlich die Genesis «eine logische Abfolge von Ereignissen», von der Schöpfung der Erde bis zur Erschaffung der Pflanzen, Tiere und Menschen. Damit sei die Genesis «ein logischer Bericht über den möglichen evolutionären Ursprung der Dinge». Man finde darin «eine gute Übereinstimmung zwischen dem frühen religiösen Glauben und der wissenschaftlichen Erkenntnis über evolutionäre Entwicklungen».
Charles Darwin dreht sich im Grab um
Ob solch kühnen Überlegungen hat sich wohl Charles Darwin, der Erfinder der Evolutionstheorie, im Grab umgedreht. Denn seine Evolutionshypothese musste sich in hartem, wissenschaftlichen Kampf erst gegen die jahrtausendealte Vorstellung der Genesis und der christlichen Lehre durchsetzen, insbesondere was die Abstammung des Menschen betrifft. Darwin musste die statische Sicht der Genesis überwinden, um zur dynamischen Sicht der Evolutionstheorie zu gelangen.
Die Situation ist ziemlich paradox: Der Präsident der päpstlichen Akademie der Wissenschaften projiziert die Evolutionstheorie in die Genesis hinein, während Papst Benedikt – als er noch Kardinal Ratzinger hiess – die Evolutionstheorie mit folgenden Worten verteufelte: «Alles soll wieder Physik werden. Immer mehr hat sich die Evolutionstheorie als der Weg herauskristallisiert, um Metaphysik endlich verschwinden, die ‚Hypothese Gott‘ überflüssig werden zu lassen».
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
keine