Flüchtlinge vor griechischer Insel

Flüchtlinge vor einer griechischen Insel. © YAY_Images / Depositphotos

Erschütternde Zustände im Flüchtlingslager auf Kos

Arndt Dohmen /  Ein Arzt berichtet, was er bei seinem Einsatz auf der griechischen Insel erlebte. Flüchtende leben unter unwürdigen Bedingungen.

Red. – Dies ist ein Gastbeitrag, der zuerst in der «Berliner Zeitung» erschien. Titel, Vorspann und Zwischentitel von der Redaktion. Der Autor Arndt Dohmen ist Arzt für Innere Medizin und Gründungsmitglied von Refudocs Freiburg e.V., einem Verein, der sich in der medizinischen Unterstützung für Geflüchtete in Freiburg engagiert. Seit 2016 beteiligt er sich regelmässig an ehrenamtlichen medizinischen Einsätzen mit der NGO German Doctors e.V. in Bangladesch und Indien sowie mit der NGO Medical Volunteers International e.V. in einem Flüchtlingscamp auf Lesbos, in Athen und auf der Insel Kos.

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Ich möchte im Folgenden aktuell über die Eindrücke und Erfahrungen meines ärztlichen Einsatzes im Januar 2025 im Flüchtlingslager auf der Insel Kos berichten. Dort war ich für die NGO Medical Volunteers International e.V. sechs Wochen im ärztlichen Einsatz.

Die fremdenfeindlichen Debatten, wie wir sie in Deutschland seit einigen Jahren erleben und die zuletzt im Wahlkampf immer mehr alle gemässigten und anders denkenden Stimmen übertönten, gibt es ja in vielen europäischen Ländern. Das hat Schritt für Schritt auch Auswirkungen auf die Art, wie hier in Griechenland die für die Aufnahme der Flüchtlinge zuständigen Behörden mit den ankommenden Menschen umgehen. An jedem Tag, an dem ich Patienten sah, die seit Wochen an Skabies [Befall mit Krätzemilben – Anm. d. Red.] litten und die wir nicht behandeln konnten, weil sie im Camp keine Möglichkeit haben, eine Waschmaschine zu nutzen oder Wechselkleider zu erhalten, fragte ich mich, was in den Köpfen der Verantwortlichen der Lagerleitung vorgehen mag, wenn sie den Bewohnern solche einfachen Hygienemassnahmen vorenthalten, obwohl die Ressourcen dafür vorhanden sind.

Bis zu 2500 Geflüchtete ohne Arzt

Diese Verrohung zieht sich wie ein roter Faden durch viele der Massnahmen hindurch, unter denen die Menschen leiden, die im Camp wohnen. Die staatliche Gesundheitsbehörde EODI hat sich im vergangenen Jahr aus der medizinischen Versorgung der Flüchtlinge in den Camps zurückgezogen; seit dieser Zeit gibt es hier in Kos im Camp für bis zu 2500 Geflüchtete keinen Arzt mehr. Nur für Registrierungsuntersuchungen der neu Angekommenen arbeitet ein Arzt von einer anderen Einrichtung vorübergehend für ein bis zwei Tage hier, der aber keine Sprechstunden für Kranke anbietet.

Sprechzimmer im Flüchtlingscamp auf Kos
Die Arbeitsbedingungen für die Ärzte im Flüchtlingscamp auf Kos.

Um Kranke kümmern sich nur die NGOs

Die Menschen sind also in Fragen der gesundheitlichen Versorgung auf NGOs wie unseren Verein oder Ärzte ohne Grenzen (MSF) angewiesen. Wenn wir für unsere Patienten weiterführende Untersuchungen oder Behandlungen für erforderlich halten, können diese aber nur durchgeführt werden, wenn ein griechischer Arzt diese Verordnung genehmigt. Weder die Leitung des Camps noch die Leitung des Krankenhauses in Kos Town kooperiert aber mit uns. Daher können wir weiterführende Massnahmen nicht veranlassen und Patienten müssen Medikamente, die wir verschreiben (weil wir diese nicht in unserer kleinen Ambulanz vorhalten können), selbst bezahlen, obwohl sie theoretisch in der griechischen Krankenversicherung versichert sind.

Für Menschen mit Skabies oder auch für solche mit starken Zahnschmerzen sind wir aufgrund dieser misslichen Situation darauf angewiesen, selbst eine Möglichkeit für die Behandlung zu schaffen. So verhandeln wir gerade mit einem Zahnarzt vor Ort, Behandlungstermine für die Patienten mit den stärksten Schmerzen zu buchen und dann über unser Budget zu finanzieren – das wird jetzt ein Projekt, für das wir auf Spenden zurückgreifen werden.

Diese Bemühungen können aber das systemische Versagen der Behörden bei der Versorgung der Geflüchteten nicht aufwiegen. Das ist mir bewusst geworden, als eine Familie mit drei Kindern aus Afghanistan in unsere Sprechstunde kam. Der sehr schüchterne und bedrückt wirkende vierjährige Sohn litt seit einem Monat unter ausgeprägtem Appetitverlust und Bauchschmerzen. Und die Mutter hatte seit ebenfalls einem Monat anhaltende Kopfschmerzen. Ein ausführliches Gespräch führte dann zu der eigentlichen Ursache aller Symptome.

Keine ärztliche Hilfe für das Baby – es starb

In der Weihnachtszeit war das jüngste Kind der Familie plötzlich schwer erkrankt und fand im Camp keine Hilfe. Daher wollten sie damals unsere Ambulanz aufsuchen, die aber in der Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr geschlossen war, denn erst ab Anfang Januar standen meine Kollegin Greta und ich als Einsatzärzte wieder zur Verfügung. Niemand im Lager fühlte sich offenbar zuständig, das Kind als Notfall ins Krankenhaus zu bringen, und so starb das Baby, ohne je einen Arzt gesehen zu haben, während dieser Tage im Camp in den Armen der hilflosen Eltern.

Die gesamte Familie ist von diesem Schock schwer traumatisiert, und da es auf der ganzen Insel auch keine Anlaufstelle für psychologische Behandlung gibt, konnten wir nur entsprechende Kontaktadressen mitgeben für die Zeit, wenn die Familie die Insel verlassen kann und dann auf das Festland kommen wird.

Griechische Küstenwache zwingt Flüchtlingsboote zur Umkehr

Schon die Insel Kos von der Türkei aus zu erreichen, ist eine Herausforderung für die Menschen auf der Flucht, an der viele immer wieder scheitern und bei jedem neuen Versuch erneut ihr Leben riskieren. Seit Jahren bekämpft die griechische Küstenwache regelrecht die Flüchtlinge durch sogenannte Pushbacks, indem sie mit riskanten Manövern ihrer Schnellboote die meist seeuntüchtigen und überfüllten Schlauchboote bedrängen, um sie zur Rückkehr zur türkischen Küste zu zwingen.

Arndt Dohmen
Arndt Dohmen im Einsatz für die Medical Volunteers International.

Aufgrund dieser Pushbacks kentern immer wieder auch die Boote mit bis zu mehreren Hundert Frauen, Kindern und Männern an Bord. So sind allein im Jahr 2023 insgesamt 4110 Menschen in der Ägäis ertrunken. Unterstützt wird die griechische Küstenwache bei ihren kriminellen Abwehraktionen durch die europäische Grenzagentur Frontex, an der immer wieder auch deutsche Polizeikräfte teilnehmen.

Fünf bis zehn Versuche, die wenigen Kilometer von Bodrum in der Türkei nach Kos zu überwinden, sind für die Menschen, die hierherkommen wollen, keine Seltenheit. Erreichen die Bootsflüchtlinge griechischen Boden auf einer der Inseln des Dodekanes, kann es ihnen sogar passieren, dass sie von Grenzwachen unter Schlägen wieder auf ihre Boote getrieben und zurück auf das Meer in Richtung Türkei abgedrängt werden.

Zwangsweise im «Detention Center» untergebracht

Wer es hier auf der Insel Kos bis in das Lager für Geflüchtete geschafft hat, wird bis zur Registrierung in einem «Detention Center», also einer Gefängnisabteilung des Lagers, inhaftiert und darf diesen Bereich bis zum Abschluss der Registrierungsprozedur nicht verlassen. Das konnte bis vor kurzem bis zu 60 Tage dauern; diese Zeit wurde erst auf Druck der NGO «Equal Rights Beyond Borders», die Geflüchteten in Griechenland rechtliche Unterstützung bietet, deutlich verkürzt.

Niemand bekommt Zutritt zu dem Detention Center, in dem die neu Angekommenen zwangsweise untergebracht sind, und damit nichts über die hier herrschenden haarsträubenden Lebensbedingungen an die Öffentlichkeit dringen kann, werden den Menschen bei der Ankunft ihre Handys abgenommen und erst dann zurückgegeben, wenn die Wachmannschaften die Kameras in den Mobiltelefonen zerstört haben.

Ohne Matratze auf dem kalten Boden liegen

Auch in den anderen Teilen des Camps ausserhalb des Detention Centers sind die Lebensbedingungen für die Bewohner oft unzumutbar: In vielen Containern fehlen Matratzen, Decken und Kissen, sodass die Bewohner besonders in den kalten Wintermonaten nachts auf dem Boden liegen und frieren. Die Abflussrohre der Toiletten sind oft verstopft und so werden nicht selten die Schlafräume mit dem nicht abfliessenden Wasser überflutet. Überall laufen Kakerlaken über den Boden, und so ist es kein Wunder, dass wir bei solchen hygienischen Bedingungen regelmässig Patienten sehen, die wegen Skabies und/oder Läusebefall nachts nicht mehr schlafen können.

Bei Ankunft werden oft nur so viele Kleider ausgeteilt, dass die Menschen nichts zum Wechseln haben. Immer wieder fällt uns in der Sprechstunde auf, dass bei Temperaturen, bei denen wir warme Winterjacken tragen, Patienten zu uns kommen, die nur mit einem Hemd und einer dünnen Sommerjacke bekleidet sind, weil sie nichts anderes zum Anziehen haben.

Völlig unzureichend ist auch die Ernährung, die für die Bewohner des Camps zur Verfügung steht. Häufig wird nur einmal pro Tag Essen ausgeteilt und das, was da auf den Teller kommt, ist nach Aussage vieler Geflüchteter ungeniessbar. Da es im Lager aber verboten ist, selbst zu kochen, und weil seit Mai 2024 die gesetzlich festgelegte finanzielle Unterstützung von 75 Euro pro Person ohne Begründung nicht mehr ausgezahlt wird, sodass auch ein Einkauf in den Supermärkten des Ortes Pyli für die Asylsuchenden gar nicht mehr möglich ist, gibt es keinen Weg, die eigene Ernährung ein wenig aufzubessern.

Kein Dach über dem Kopf, kein Essen oder Trinken

Wer unter diesen widrigen Bedingungen im Camp ausharrt und nach langem Warten als Flüchtling anerkannt wird oder einen sonstigen Aufenthaltstitel für Griechenland erhält, muss innerhalb von 30 Tagen nach dieser Entscheidung das Camp verlassen und erhält ab diesem Zeitpunkt keinerlei staatliche Unterstützung mehr: kein Geld zum Leben, kein Dach über dem Kopf, kein Essen oder Trinken.

Ist nach einer positiven Entscheidung der entsprechende Ausweis ausgehändigt, muss das Lager sogar am selben Tag verlassen werden. Ab diesem Tag sind die Menschen ganz auf sich selbst gestellt, und so endet die lange Odyssee der Flucht nicht selten auf der Strasse in Obdachlosigkeit. Gelingt es vielen in den Sommermonaten noch, eine Saisonarbeit zu finden, wird die Lage der Asylanten mit positivem Bescheid aber spätestens im kalten Winter ziemlich aussichtslos.

Unmenschliche Lebensbedingungen

Am Ende dieses traurigen Berichts und gerade vor dem Hintergrund meiner aktuellen Erfahrungen vor Ort möchte ich noch einmal den Blick auf die aufgeheizte Asyldebatte in unserem Land lenken: Insbesondere kurz vor der Wahl zum Bundestag überboten sich die Parteien in ihren Forderungen, alle Grenzen für Asylsuchende zu schliessen und die Schwelle für Abschiebungen derer, die schon bei uns sind, immer weiter zu senken. Rechtsstaatliche Prinzipien wurden mit forschen Sprüchen beiseite geschoben, und alle hofften, so auf den letzten Metern der Konkurrenz noch Stimmen abjagen zu können.

Lediglich die oberen Instanzen unserer Justiz nehmen davon noch einigermassen unbeeindruckt ihren verfassungsschützenden Auftrag wahr – und so werden geplante Abschiebungen nach Griechenland von Menschen, die es geschafft haben, von dort zu fliehen und nach Deutschland zu kommen, von deutschen Gerichten immer häufiger untersagt, weil die Lebensbedingungen, denen diese Asylsuchenden in Griechenland ausgesetzt sind, aus menschenrechtlichen Gründen nicht vertretbar sind.

Für die Zukunft wünsche ich uns allen, dass dieser nüchterne Blick auf die Werte unseres Grundgesetzes weit über die Gerichtssäle hinaus in unseren Köpfen und in unseren Herzen wieder der leitende Massstab unseres gesellschaftlichen Diskurses wird.

Weiterführende Informationen


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Arndt Dohmen ist Arzt für Innere Medizin und Gründungsmitglied von Refudocs Freiburg e.V., einem Verein, der sich in der medizinischen Unterstützung für Geflüchtete in Freiburg engagiert. Seit 2016 beteiligt er sich regelmässig an ehrenamtlichen medizinischen Einsätzen mit der NGO German Doctors e.V. in Bangladesch und Indien sowie mit der NGO Medical Volunteers International e.V. in einem Flüchtlingscamp auf Lesbos, in Athen und auf der Insel Kos.
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