Sie arbeiten ohne Vertrag und sind mit Schulden ausgeliefert
Ein krasses Beispiel, warum Konzerne für die Arbeitenden auf dem Feld Verantwortung übernehmen sollten, sind ausgebeutete Zuckerarbeiter und -arbeiterinnen im indischen Gliedstaat Maharashtra.
Unterstützt von der NGO «The Fuller Project» haben Megha Rajagopalan, Qadri Inzamam und Saumya Khandelwal vor Ort für die «New York Times» recherchiert. Ihre Reportage ist schockierend: «Wenn die Zuckerarbeiter und Zuckerarbeiterinnen ihre Jobs verlassen wollen, riskieren sie Entführung, Prügel und Mord.» Seit Oxfam die skandalösen Zustände im Jahr 2020 aufdeckte, hat sich offensichtlich wenig geändert.
Freiheitsberaubung und Prügel als Druckmittel
Das erste Fallbeispiel der Reportage berichtet von der Familie Dutta. Um ihrer 12jährigen Tochter die Schulausbildung zu ermöglichten, wollten die Eltern ihre Arbeit in den Zuckerrohrfeldern beenden. Sie hatten bereits ihren jährlichen Vorschuss erhalten. Gighe Dutta bot seinem Auftraggeber an, 70 Prozent des Vorschusses sofort zurückzuzahlen und den Rest ein paar Tage später. Doch dieser habe das Doppelte des Vorschusses verlangt.
Im darauffolgenden Streit sei Gighe Dutta verprügelt, entführt und in der Zuckerfabrik «Jaywant» in einen dunklen Raum eingesperrt worden, um seine Entscheidung «zu überdenken». So berichtete es Dutta einer örtlichen Regierungsbehörde. Er sagte aus, dass die Arbeiter der Mühle gesehen hätten, was vor sich ging. «Ich hatte solche Angst», sagte er. «Ich konnte nicht denken, es war, als hätte mein Kopf aufgehört zu arbeiten.»
Nach zwei Tagen erfuhr Gighe Duttas Bruder, was geschehen war. Er rief den Unternehmer an, der seine Forderung wiederholte – er wolle das Doppelte seines Geldes zurück. Gighe Duttas Bruder und seine Frau erstatteten Anzeige bei der Polizei. Erst daraufhin wurde Gighe Dutta freigelassen. Auf Nachfrage der Reporter spielte die Polizei den Vorfall herunter und sagte, dass Gighe Dutta und sein Arbeitgeber die Angelegenheit klären würden.
Die Subunternehmer sind die Geldeintreiber der Fabriken
Wie die meisten Zuckerfabriken in Maharashtra wird auch «Jaywant» von einer politisch einflussreichen Familie kontrolliert. Der Präsident der Fabrik, C. N. Deshpande, bestritt, dass jemand gegen seinen Willen in seiner Fabrik festgehalten worden sei. Er sagte, er wisse nichts über Herrn Dutta.
Er habe jedoch eingeräumt, dass es Probleme gebe, wenn Zuckerarbeiter die Arbeit verweigern oder ihre Vorschüsse nicht zurückzahlen, berichten die Reporter. Wenn die Subunternehmer ihn fragen, was zu tun sei, «sagen wir ihnen, dass wir es nicht wissen, aber das Geld brauchen». Er habe es nie versäumt, einen Vorschuss zurückzuerhalten. Deshpande habe den Reportern bestätigt, dass Entführungen und Schläge in der Branche üblich seien, einige Arbeiter seien sogar ermordet worden.
Oft bleibt als letzter Ausweg nur die Flucht
In einem weiteren Beispielfall berichtet die Reportage vom Zuckerrohrschneider Prahlad Pawar. Dieser erzählte, sein Arbeitgeber habe ihm letztes Jahr gesagt, dass er und andere während der Ernte nicht hart genug gearbeitet hätten. Der Arbeitgeber habe ihn, seine Frau und seine Kinder sowie eine weitere Familie angewiesen, in der Nebensaison als seine persönlichen Bediensteten zu arbeiten. Dies geht aus einem bei einer örtlichen Regierungsbehörde eingereichten Bericht und aus Interviews mit Familienmitgliedern hervor.
Prahlad Pawar und seine Familie flohen schliesslich, indem sie tagelang zu Fuss in Richtung ihres Dorfes wanderten, um Essen bettelten und auf Feldern schliefen. «Die Menschen in den Städten, die diese kalten Getränke trinken und Schokolade essen, leben ihr Leben und denken nicht einmal an uns», sagte Prahlad Pawar. «Ich wünschte, sie würden einmal versuchen, wie wir zu arbeiten.»
Lohnvorschüsse geraten zu Fussfesseln der Landarbeiter
In Maharashtra wird die Ernte in der Regel von einem Ehepaar, das als «Koyta» bekannt ist, geschnitten. Jedes Paar beliefert eine bestimmte Zuckermühle, wird aber von einem Zwischenhändler beauftragt, der das Geld der Mühle jede Saison verteilt.
Pauschale Vorschüsse ermöglichen es den Arbeitern, grössere Kosten wie Reparaturen am Haus oder medizinische Ausgaben zu bezahlen. Die meisten Landarbeiter haben jedoch nur mündliche Vereinbarungen und keine Möglichkeit, sich zu wehren, wenn ihre Auftraggeber die Bedingungen ändern oder Restschulden geltend machen. Zuckerfabriken leugnen jegliche Beziehung zu den Arbeitern oder jegliche Verantwortung für deren Behandlung ab.
Ausnützung und Missbrauch sind weit verbreitet
In einem dritten Beispiel schildert die Reportage den Fall der Zuckerrohrschneiderin Vinobai Taktode. Wie so viele wuchs sie zwischen den Feldern auf und musste zusammen mit ihren Geschwistern bei den Eltern mitarbeiten. Schon in ihrer Teenagerzeit wurde sie mit einem Mann zwangsverheiratet, der ebenfalls Zuckerrohr schnitt.
Als dieser, Shivaji Bhivaji Taktode, wegen Trunkenheit zwei Wochen lang die Arbeit versäumte, hätten ihn der Auftraggeber und dessen Helfer jede Nacht verprügelt, bis er ins Krankenhaus musste.
Der Arbeitgeber zwang sie und ihren ältesten Sohn, tagelang zusätzliche Arbeit auf den Zuckerrohrfeldern zu verrichten, sagte sie. Aber das reichte angeblich immer noch nicht aus, um die verlorene Zeit auszugleichen. Sie wusste, dass sie fliehen mussten. Sie erinnert sich, dass ihr Auftraggeber drohte: «Wenn ihr geht, bringen wir euch um.»
Nach zwei Jahren im Versteck kehrten sie diesen Sommer nach Hause zurück, in der Annahme, dass sich die Lage beruhigt hätte. Doch der Unternehmer tauchte wieder auf und zwang ihren Mann, in ein Auto einzusteigen. Laut Polizeibericht bestätigte ein Verwandter als Augenzeuge die Entführung. Vinobai Taktode sagte den Reportern, dass der Auftraggeber ihre Familie angerufen und Geld für die Freilassung ihres Mannes gefordert habe. Erst Wochen später sei Shivaji Bhivaji Taktode schwer verletzt zurückgekehrt, sagte sein Sohn aus.
Die Ausbeutung hat System
Die «New York Times» und das «Fuller Project» haben Polizeiberichte und Unterlagen der örtlichen Behörden durchgesehen, Fabrikbesitzer befragt und die Berichte aus erster Hand von einem halben Dutzend Familien gesammelt, die in jüngste Entführungsfälle verwickelt waren. So konnten sie nachweisen, dass bekannte Unternehmen und indische Politiker von einem brutalen System profitieren, das Kinder zur Arbeit zwingt und sie minderjährig in Ehen drängt. Frauen werden unnötige Gebärmutterentfernungen aufgedrängt, damit sie ohne Menstruation oder Regelbeschwerden auf den Feldern arbeiten können.
Gefangen in der Schuldenfalle
All diese Missstände können mit der sogenannten Schuldknechtschaft in Verbindung gebracht werden, einem System, in dem die Arbeiter ständig bei ihren Arbeitgebern verschuldet sind und nicht kündigen können.
Schuldknechtschaft ist eine international anerkannte Menschenrechtsverletzung. Sie ist in Indien illegal und wird von den westlichen Unternehmen, die Zucker aus Maharashtra kaufen, ausdrücklich verurteilt.
Dennoch sei der Missbrauch von Arbeitern in Maharashtra kaum ein Geheimnis. Laut Forschern, Branchenvertretern und Arbeitnehmerrechtsgruppen sei Schuldknechtschaft im gesamten Bundesstaat weit verbreitet. Ein von einem Gericht eingesetztes Ermittlungsteam der Regierung stellte im vergangenen Jahr fest, dass die Zuckerindustrie auf ein umfangreiches System der Schuldknechtschaft angewiesen ist, wie aus einem Dokument hervorgeht, das der «New York Times» und «Fuller Project» vorliegt.

Die Schuldknechtschaft besteht fort, weil die Zuckerrohrschneider in Maharashtra zu Beginn jeder Saison in Form von Barvorschüssen bezahlt werden. Laut Arbeitern und Auftragnehmern ist es fast immer unmöglich, das Geld in einem einzigen Jahr zurückzuzahlen. Die Schulden werden übertragen und die Familien sind gefangen, in der Regel ohne Vertrag und ohne Möglichkeit der Einsprache. Wenn Arbeiter versuchen, diesen Kreislauf zu durchbrechen, riskieren sie, dass ihnen Gewalt angetan wird.
Multis und Behörden leugnen Missstände in den Lieferketten
Der zuckerreiche Bundesstaat Maharashtra beliefert Unternehmen wie Coca-Cola, Pepsico und Unilever. Lokale Politiker und Zuckerbarone behaupten, dass alle Arbeiter frei seien, anderswo Arbeit zu suchen. Doch ohne schriftliche Verträge sind sie ihren Arbeitgebern ausgeliefert. Sie arbeiten häufig unter der Androhung von Gewalt, Entführung und Mord.
Es gibt keine offiziellen Daten darüber, wie oft solche Vorfälle auftreten. Missbräuche werden oft nicht gemeldet, weil die Arbeiter Vergeltungsmassnahmen befürchten. Aber Arbeitnehmerrechtsgruppen, lokale Regierungsbehörden, Experten und sogar einige Fabrikbesitzer sagen, dass Entführungen nicht ungewöhnlich seien und dass die Arbeiter kaum andere Arbeitsmöglichkeiten hätten.
Die Regierung von Maharashtra geht das Problem nicht an, sondern leugnet, dass es existiert. In einer eidesstattlichen Erklärung, die in diesem Jahr im Namen mehrerer staatlicher Behörden eingereicht wurde, heisst es, dass Zuckerarbeiter «frei sind, sich überall hinzubewegen, und niemals vom Arbeitgeber eingesperrt werden».
Mehrere westliche Unternehmen, die in Maharashtra einkaufen, lehnten eine Stellungnahme ab oder verwiesen auf ihre veröffentlichten Menschenrechtsrichtlinien.
Auch ein Schweizer Rohstoffmulti ist involviert
Nachforschungen der Koalition für Konzernverantwortung in Zusammenarbeit mit dem Recherchekollektiv WAV zeigen, dass der Genfer Rohstoffhandelskonzern «Louis Dreyfus Company» (LDC) stark in den Handel mit dem problematischen Zucker verwickelt war. Zwischen 2019 und 2023 bezog LDC über ihre Tochterfirma «Louis Dreyfus Co. India Private Ltd.» rund 1300 Zucker-Lieferungen aus dem Bundesstaat Maharashtra im Wert von mindestens 393 Millionen US-Dollar.
Mehr als hundert Lieferungen stammten von den problematischen Zuckerproduzenten «Dalmia Bharat Sugar» und «NSL Sugars». Beide Zuckermühlen konnte die «New York Times» eindeutig mit Schuldknechtschaft, Kinderarbeit, Kinderheirat und Gebärmutterentfernungen in Verbindung bringen.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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