US-Big-Tech brauche keinen Schutz vor China, sondern Wettbewerb
Vor kurzem setzte das chinesische Unternehmen für künstliche Intelligenz DeepSeek die Giganten der US-Technologie-Unternehmen in Alarmbereitschaft, wenn nicht gar in eine Art Schockstarre. Marc Andreessen, einer der vielen Investoren im Silicon-Valley, bezeichnete dieses Ereignis gar als «Sputnik-Moment». Dabei nahm er Bezug auf die Lancierung des sowjetischen Satelliten «Sputnik» im Jahr 1957, der in den USA nach einem anfänglichen Schock zum fieberhaften und vom Staat finanzierten Aufbau eines eigenen Weltraumprogramms, der Nasa, führte.
Fehlender Wettbewerb bremst Innovation
In ihrem Gastbeitrag in den «New York Times» vom 4. Februar 2025 mit dem bezeichnenden Titel «Stop Worshiping the American Tech Giants» (Schluss mit der Ehrfurcht vor den US-Tech-Giganten) meint Lina M. Kahn allerdings nicht etwa, dass jetzt die US-Regierung wie im Falle der Nasa die Zügel selber in die Hände nehmen müsse, um die Vorherrschaft der USA im Bereich der künstlichen Intelligenz (KI) zu sichern. Als Vorsitzende der US-Wettbewerbs- und Verbraucherschutzbehörde (Federal Trade Commission) unter Präsident Biden stellt Kahn vielmehr mangelnden Wettbewerb als Ursache für die aktuelle Ratlosigkeit in der KI-Branche fest.
Damit stellt sie sich auch gegen das Ansinnen der Regierung von Donald Trump, die Tech-Giganten mit 500 Milliarden Dollar für die Weiterentwicklung von KI zu fluten, um den bisherigen Vorsprung gegenüber China zu halten oder weiter auszubauen. Diese Politik beruhe laut Kahn auf der irrigen Annahme, die KI-Technologie könne nur mit riesigen Investitionen in Rechenzentren, Energiegewinnung und Chip-Herstellung längerfristig mit Anbietern wie DeepSeek aus China konkurrenzfähig bleiben. Für sie ist die fehlende Innovationskraft vielmehr der Grund für abnehmende Wettbewerbsfähigkeit, und diese wiederum verdankt sich einer faktischen Monopolbildung unter den Tech-Giganten der USA.
Boeing als abschreckendes Beispiel
Als geschichtlichen «Beweis» für ihre These führt sie das Schicksal des Flugzeugherstellers Boeing an, der eine derartige Sonderstellung einnahm, dass die US-Regierung in den 1990er Jahren einer Fusion mit seinem Konkurrenten McDonnell Douglas bedenkenlos zustimmte. Dies erwies sich später als der Anfang vom Untergang des Monopolisten gegenüber ausländischer Konkurrenz.
Ganz anders verhielt sich die Politik der US-Regierungen anfänglich gegenüber den späteren Tech-Giganten des Silicon-Valley wie AT&T Inc., IBM oder Microsoft. Die Kartellgesetze verhinderten im Gegensatz zu europäischen und japanischen Tech-Unternehmen eine Monopolbildung, was sich für das Wirtschaftswachstum und den technologischen Vorsprung der USA in den 2000er Jahren als entscheidend herausstellen sollte.
Nicht Gigantismus und Monopole, sondern Innovationskraft
Das zweite Argument gegen einen «Schutz» der einheimischen Tech-Unternehmen vor ausländischer Konkurrenz besagt, dass ChatGPT, OpenAI und andere US-KI-Unternehmen trotz riesiger Investitionen, ungeheurer Datenkapazitäten, idealer Rahmenbedingungen und des Verbots, hochwertige Chips und deren Herstellung an China zu verkaufen, anscheinend nicht mit dem chinesischen Anbieter DeepSeek konkurrieren können. Dieser hat mit einem Bruchteil der Finanzen, Datenvolumina und ohne protektionistische Barrieren ein KI-Werkzeug entwickelt, das den US-Flaggschiffen ebenbürtig oder gar überlegen ist.
Kahn zeigt sich überzeugt, dass die US-Tech-Unternehmen in den letzten zehn oder fünfzehn Jahren mit einer monopolartigen Konzentration und der schon fast unterwürfigen Anpassung an die jeweilige politische Grosswetterlage das Innovationspotenzial weitgehend verloren hätten, das für einen zukünftigen Spitzenplatz weltweit unabdingbar sei. Riesige monopolartige Unternehmen verharrten im Erreichten und seien für nötige Innovationen zu schwerfällig und träge.
«Trumps Protektionismus ist kontraproduktiv»
Es brauche deshalb nicht Protektionismus oder riesige staatliche Finanzspritzen, sondern die Förderung kleiner Start-Ups. Es seien die «disruptiven Aussenseiter» gewesen, welche die entscheidenden Innovationen auf den Weg gebracht hätten, und nicht die Tech-Kolosse selber. Kahn illustriert dies mit einem Beispiel aus der jüngsten Geschichte der künstlichen Intelligenz. Bereits 2017 hat Google die der heutigen KI zugrundeliegende Transformer-Architektur entwickelt, diese aber in der Folge nicht umgesetzt. Erst einige innovative Köpfe, die aus dem Unternehmen ausstiegen und ihre eigenen Start-Ups gründeten, hätten das Potenzial der neuen Technologie erkannt und es weiterentwickelt.
Kahn erachtet die von Trump eingeleitete staatliche Förderung der KI-Unternehmen in gigantischem Ausmass und die protektionistischen Massnahmen wie Einfuhrzölle oder Ausfuhrverbote skeptisch und sogar als kontraproduktiv für den noch bestehenden Wettbewerbsvorteil der USA im Bereich der künstlichen Intelligenz. «Wettbewerb und Offenheit, nicht Zentralisierung treiben Innovationen voran», fasst sie ihren Standpunkt zusammen.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
_____________________
➔ Solche Artikel sind nur dank Ihren SPENDEN möglich. Spenden an unsere Stiftung können Sie bei den Steuern abziehen.
Mit Twint oder Bank-App auch gleich hier:
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.
Ihre Meinung
Lade Eingabefeld...